Papageientraining – Jessica Koser – Ein Selbstportrait

Die PapageienUmschau freut sich sehr, Frau Jessica Koser, die gerade die Approbation (die staatliche Zulassung) zum Tierarzt erlangt hat, vorzustellen. Wir werden Ihren Weg weiter begleiten und freuen uns, dass Frau Koser in der PapageienUmschau als Autorin mitwirken möchte. Wir wünschen ihr für Ihren weiteren Weg alles Gute. Mit ausgezeichneten Erfolgen im Papageientraining hat sich Frau Koser einen guten Namen gemacht.

Tierärztin Frau Jessica Koser
Ein Selbstportrait

Jessica Koser
Jessica Koser

„Bei diesem Mann piept’s“. So steht es in der Kopie eines Zeitungsartikels aus den Achtzigern, den Jessica Koser in der Hand hält. „Das war mein Opa! Seinerzeit Vogelzüchter und ein Mann, der Tiere liebte. Könnte er noch miterleben in welche Richtung sich mein Leben entwickelt hat, er würde platzen vor lauter Stolz.“ Bei Jessica Koser piept es auch, manchmal lauter als den Nachbarn lieb ist. Aber beginnen wir von vorne.

„Ich werde den Tag nie vergessen als ich die Vorlesung „Anatomie des Vogels“ besucht habe. Mein bester Freund und ich waren schrecklich gelangweilt und wir hatten im Anschluss an die Vorlesung Heißhunger auf gegrilltes Hähnchen. So fuhren wir quer durch die Stadt auf der Suche nach gegrilltem Hähnchen um anschließend gemeinsam am Küchentisch die anatomischen Strukturen aufzuessen, die uns kurz zuvor vermittelt worden waren. Wir fanden sogar, voller Überzeugung, Strukturen, die beim Vogel so gar nicht existieren. Hätten wir nur mal besser aufgepasst. Natürlich begegnete mir der Vogel, genaugenommen das Huhn, im darauffolgenden Anatomietestat wieder und erneut wünschte ich mir, ich hätte besser aufgepasst. Ja, so sicher war ich mir, dass Vögel und ich in meiner beruflichen Zukunft eher wenig miteinander zu tun haben würden.

Aber wie jeder weiß, erstens kommt es anders….

Eine universitäre Exkursion in den Loro Parque Teneriffa sollte alles ändern. Drei Wochen der absoluten Faszination brannten sich in mein Gedächtnis ein und die Existenz einer Fachklinik nur für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische wurde mir endlich bewusst. Famulanten (das sind Medizinstudenten, die nach einer speziellen Ausbildung in ihrem Tätigkeitsfeld, unter tierärztlicher Betreuung, praktisch tätig sind und überwiegend in Nacht- und Wochenenddiensten zum Einsatz kommen) wurden dort gesucht, also habe ich mich kurzerhand beworben und eine Chance erhalten. Schnell habe ich gemerkt, dass das hier eine ganz andere Welt war als alles was ich zuvor in diesem Studium gelernt hatte. Selten war ich mit so viel Begeisterung bei der Sache wie in diesem Bereich. Aber meine studentischen Kollegen hatten es in sich. War es Konkurrenzdenken oder reine Antisympathie? Das werde ich wohl nie erfahren. Aber zum Glück ließ ich mich von Persönlichkeiten, denen ich heute eigentlich nur dafür danken kann, dass sie mich gelehrt haben über Missgunst, Intrigen und Feindseligkeiten hinwegzusehen und mich zu beweisen, nicht abschrecken. Deren Zeit als Famulanten lief bald aus und alles was danach kam überraschte mich dann mit Fachwissen, Warmherzigkeit und wahrer Freundschaft, die bis heute anhält. Im folgenden Jahr durfte ich mit wachsender Erfolgsquote unzählige Wildvögel aufziehen und auswildern, Papageien, Sittiche, Raubvögel, Wassergeflügel, Reptilien und vieles mehr behandeln und versorgen, meine persönlichen First-Day-Skills erweitern und mich im Umgang mit Patientenbesitzern ausprobieren. Große Erfolge, Skurrilitäten, kleine Dramen, erste Verluste und jede Menge Spaß haben diese Zeit geprägt.

Da das Studium der Veterinärmedizin leider neben einer Grundlagenvorlesung und ein paar freiwilligen Sonderveranstaltungen nicht all zu viel im Bereich der Exotenmedizin zu bieten hat, begann ich einfach alles zu verschlingen, was ich in die Finger bekam. Ich legte meine gesamten externen Praktika in den Bereich Tierschutz, Vogel- und Reptilienmedizin und stellte fest, hier gehöre ich hin.

In der ganzen Zeit gab es eine Sache, die mich persönlich sehr störte und nachhaltig belastete: Die allermeisten gesundheitlichen Problemen ließen sich auf Fehler in der Haltung zurückführen. Von ganz kleinen Fehlern bis hin zu schwerwiegenden tierschutzwidrigen Dingen. Das betrifft leider den gesamten Exotenbereich. Während Hundehalter, wie selbstverständlich, Hundeschulen aufsuchen und sich umfangreich informieren, scheint das bei den Exoten noch nicht zu jedermann durchgedrungen zu sein, dass wir es hier mit echten Wildtieren zu tun habe, die hochspezialisierte Ansprüche haben. Gerade unsere Papageien und Sittiche verfügen darüber hinaus über eine mit unseren übrigen Haussäugetieren nicht vergleichbare Intelligenz. In der tierärztlichen Praxis bleibt dann aber nicht die Zeit um Halter stundenlang über eine optimale Beleuchtung, Fütterung, soziale Bedürfnisse, Luftfeuchte, Lebensräume und der falsch interpretierten Körpersprache ihres Lieblings aufzuklären. Ich sah es als persönliche Herausforderung an, Licht in das Dunkel zu bringen und musste auch hier sehr bald wieder über meine eigene Naivität lachen. Was rein unterstützend und beratend gemeint war brachte mich zu meinen ersten drei verhaltensauffälligen Papageien. Da stand ich nun, einer rupfte sich kahl, der nächste wollte mich am liebsten töten und einer der bis zu acht Stunden am Stück durchbrüllte, sogar in der Nacht. Ich hatte jede Menge Hunde und auch Pferde zuvor trainiert – sollte doch also beim Vogel nicht so schwer sein? Tatsächlich kann ich meine Begeisterung über die Geschwindigkeit mit der ein Papagei lernt kaum in Worte fassen. Ganz so einfach war es dann aber doch nicht, weil ein Tier, das mit so einer Auffassungsgabe lernt wie ein Papagei, einem Trainer die eigenen Fehler auch nicht so schnell verzeiht wie ein Hund. So lassen sich zwar manche Trainingsmethoden durchaus übertragen, aber die Bedürfnisse und speziellen Verhaltensweisen der unterschiedlichen Arten (es sind nun einmal keine Rassen) eben nicht. Hilfe und Unterstützung suchte ich anfangs vergebens. Es gibt zwar den einen oder anderen Menschen in der Papageienszene, der sich mit dem Training dieser Tiere beschäftigt, doch musste ich auch hier schnell begreifen, dass ich gezwungen war mir mein eigenes Fachwissen anzueignen, weil es an Zugänglichkeiten mangelte. Während die eine Person mir den Austausch versagte, weil ich die „falsche“ Zeitschrift abonniert hatte war die nächste Person der Meinung, dass ich Mitglied in der „falschen“ Facebookgruppe war. Wieder Andere sahen mich als vorwertigen Kunden an und verlangten entsprechende Entlohung. Artikel über „Selbst ernannte Götter am Papageienhimmel“ machten meine Unsicherheiten nicht besser, bis mir klar wurde, dass ich mit meinem abgeschlossenen Studium der Veterinärmedizin und meiner unersättlichen Wissbegierde schon deutlich mehr Fachkompetenz mitbrachte als ich mir selbst zugestehen wollte. Unfassbar über solch unnötigen zwischenmenschlichen Barrieren und darin angespornt es anders zu machen, baute ich mir mein eigenes Netzwerk auf. Dank zahlreicher erfahrener Halter, Züchter, Auffangstationen, Tiertrainer und Tierärzten hatte ich die Möglichkeit mit vielen Arten zu arbeiten, zu lernen, zu beobachten und schlussendlich zu verstehen. Glücklicherweise gab es auch erfahrene Leute, die mich vor Katastrophen bewahrten und mich das eine oder andere mal in die richtige Richtung stupsten. An dieser Stelle: Danke dafür! Ihr wisst wofür! Ich bekam so viele Angebote, das ich bis heute noch nicht alle annehmen konnte. Dass sich diese Vorgehensweise bezahlt machte, sah ich an den Tieren und Menschen mit denen ich arbeiten durfte. So wurden aus apathischen und stummen Papageien wieder Tiere mit Leben im Herz, die ihr natürliches Explorationsverhalten wieder fanden. Aus Vögeln, die jahrelang kein Tageslicht gesehen hatten und auch keine Artgenossen, wurde Tiere, die Vertrauen entwickelten und erfolgreich in Gruppen ihresgleichen vergesellschaftet werden konnten. Schreier und Rupfer lernten wieder zu spielen und kleine „Killer“ wurden zu freundlichen Mitbewohnern. Noch beeindruckender waren die Menschen, die ihre Freude und Liebe zu ihrem Tier wieder entdeckten oder, wie in den meisten Fällen bei denen ich amtlich begleitend tätig war, einsahen, dass ein Papagei doch nicht das richtige Haustier für sie war und ihren Tieren eine neue Chance ermöglichten.

Sicherlich gibt es DAS Erfolgsrezept nicht. Sicherlich kann auch ich keine Wunder vollbringen, aber ich bin bereit es zu probieren. Krankheiten vorzubeugen, Verhaltensstörungen durch eine Zusammenarbeit mit Haltern, Tieren und vogelkundigen Tierärzten zu therapieren, Fehler nicht zu verurteilen sondern bei deren Behebung Hilfe zu leisten, DAS ist echte Medizin für mich. Natürlich ist eine medizinische Abklärung als erste Maßnahme bei Verhaltensauffälligkeiten das A und O und natürlich kann auch ich keine organischen Schäden durch Clickertraining beheben, aber die Zusammenarbeit der Institutionen, die Erweiterung des schulmedizinischen Horizontes sowie die Vernetzung von Ressourcen und vorhandenen und neu etablierten Fachkompetenzen ist das Zukunftsmodell meiner Vorstellung.

Nun bin ich endlich Tierärztin und kann mit stolz sagen, dass ich meine Profession gefunden habe. Die Weiterbildungsstätten für eine Ausbildung zur Fachtierärztin sind spärlich gesät und über die Bezahlung darf man nur hinter vorgehaltener Hand sprechen. Was mit einem Kleingewerbe via Mundpropaganda begonnen hat, könnte nun weiter ausgebaut werden. Oder über die amtliche Laufbahn wahrhaftigen Tier- und Artenschutz vollziehen? Lehrjahre sind keine Herrenjahre heißt es ja. Viel Zeit zum Durchatmen bleibt zumindest nicht, aber wie es weitergeht, steht auf einem anderen Blatt…. .“