Distress – Eustress von Nicolle Müller

Beitrag zum Artikel in der PapageienUmschau 1.2020:

Stress kann krankmachen und unter Umständen sogar tödlich enden. Dann spricht man von Distress. Er kann aber auch glücklich machen, bereichern und soziale Bindungen stärken. Dann spricht man von Eustress.

Im Folgenden habe ich mir den SRRS, den Social Readjustement Rating Scale, also die „Skala der Anpassungsrate an soziale Veränderungen“ des Menschen vorgenommen, wie dieser von den Psychiatern Holmes und Rahe definiert wurde. Die Stresspunkte sagen aus, wie leicht einem Menschen die Umstellung bzw. die Anpassung an eine neue Situation gelingt. Die Skala geht von 0 wie „Es fällt ihm sehr leicht“ bis 100 wie „Es ist ihm fast unmöglich“.

Insgesamt wurden 43 mögliche Situationen formuliert, die alle alltagsnah sind und Dir selbst direkt und Deinen Tieren indirekt somit jederzeit zustoßen können. Hast Du keinen Plan für solche Fälle parat, um den Stress Deiner Tiere aufzufangen, dann können die Konsequenzen für Tiere enorm sein. Vergiss nicht, dass Tiere den Intellekt von vierjährigen Kindern haben und darum nicht für sich allein mit solchen Traumata fertig werden können. Sie brauchen Führung und Hilfe von einem Leittier bzw. Vormund. Unverarbeitete Traumata können schnell zu Aggression gegen sich selbst und andere, zu Depressionen und vielleicht sogar zu chronischen Erkrankungen wie Herzleiden, Diabetes oder gar Infarkten führen.

Wie immer will ich Dich von nichts überzeugen. Ich gebe Dir nur einen Impuls zum Nachdenken, ein Argument, mit dem Du vielleicht so noch nie in Berührung gekommen bist. Wenn Du Dich verändern willst, dann melde Dich. Wir können Dir einen Start in positives Training geben. Ob per Email, mit Lernvideos oder durch persönliche Anleitung sei erstmal dahingestellt. Aber jeder Weg braucht einen ersten Schritt. Lass die Idee einfach in Dir reifen…

Ansonsten wünsche ich Dir einen tollen Start ins Jahr 2020 und komm gut durch den sicher kalten Januar. Den Stress, der durch Feuerwerk und Knallerei ausgelöst wird, kann man mit Eustress-Training natürlich auch sehr gut abfangen.

Mit tierischen Grüßen aus fast Bärlin
Deine Nicolle


SRRS-Tabelle nach Thomas Holmes und Richard Rahe

Ich habe ähnliche Stressoren zusammengefasst und nach einem grundsätzlichen Problem sortiert. Die Summe der so gewonnenen Stresspunkte entscheidet über die Listung in meiner TOP 6.

PLATZ 6 193 Stresspunkte Zeitweiliger Verlust des Halters
davon 63 Stresspunkte Eine Haftstrafe
47 Stresspunkte Verlust des Arbeitsplatzes
  30 Stresspunkte Kündigung eines Darlehens
  20 Stresspunkte Wohnungswechsel
  20 Stresspunkte Schulwechsel
  13 Stresspunkte Urlaub

Hachiko-Problem

  • Es gibt nur eine Betreuungsperson
  • Diese Person fällt weg
  • Das Tier fällt in eine tiefe Sinnkrise
  • Es vertraut niemandem oder es fällt ihm schwer
  • Das Tier befindet sich im Dauer-Distress
  • Das Tier benötigt einen Therapeuten, um da wieder herauszufinden

Das Territorium-Problem

  • Das Tier verliert sein vertrautes Revier
  • Die Umstellung fällt ihm schwer, weil es das nicht gewohnt ist
  • Das führt zu massivem Distress
PLATZ 5 206 Stresspunkte Änderung des Status Quo
davon 39 Stresspunkte Gesellschaftliche Veränderung
  38 Stresspunkte Erhebliche Einkommensveränderung
  29 Stresspunkte Änderung der beruflichen Verantwortung
  28 Stresspunkte Großer persönlicher Erfolg
  25 Stresspunkte Änderung des Lebensstandards
  24 Stresspunkte Änderung persönlicher Gewohnheiten
  23 Stresspunkte Ärger mit dem Vorgesetzten

Das Hospitieren

  • Der Halter hat mehr Ressourcen, die auch dem Tier zugutekommen
  • Der Halter investiert in mehr Fläche als bisher
  • Das Tier kann mit der neuen Freiheit nicht umgehen
  • Es beginnt zu hospitieren
  • Das bedeutet massiven Distress, der therapiert werden muss

Qualität & Quantität

  • Der Halter schafft sich weitere Tiere an
  • Der Halter hat neue Hobbys (Autos, Golf, Kunst)
  • Der Halter hat mehr von allem
  • Dadurch hat er weniger Zeit für das einzelne Tier
  • Das bedeutet massiven Distress für betroffene Tiere

Worst Case

  • Die Tierart passt nicht mehr zum Status Quo
  • Der Halter gibt komplett die Tierhaltung auf
  • Die Tiere müssen in zweite Hand
  • Das Tier leidet massiv unter Distress

Der Status Quo sinkt

  • Der Halter kann sich vielleicht die Tiere nicht mehr leisten
  • Er kann die Tiere vielleicht nicht mehr tiergerecht halten
  • Der Halter überträgt seine mentalen Probleme auf die Tiere
  • Der Halter gibt die Haltung aus finanziellen Gründen auf
  • All das bedeutet massiven Distress für das betroffene Tier
PLATZ 4 220 Stresspunkte Dauerhafter Verlust
davon 100 Stresspunkte Tod des Ehepartners
  63 Stresspunkte Tod eines Familienangehörigen
  37 Stresspunkte Tod eines nahen Freundes
  20 Stresspunkte Wohnungswechsel

Siehe das „Hachiko-Problem“

PLATZ 3 228 Stresspunkte Soziale Probleme
davon 53 Stresspunkte Eigene Verletzung oder Krankheit
  44 Stresspunkte Verletzung oder Krankheit von Angehörigen
  39 Stresspunkte Sexuelle Schwierigkeiten
  35 Stresspunkte Auseinandersetzungen mit dem Partner
  29 Stresspunkte Ärger mit der Verwandtschaft
  15 Stresspunkte Häufigkeit familiärer Kontakte
  13 Stresspunkte Weihnachten

Psychische Probleme durch Distress

  • Hat der Halter mentale Probleme, überträgt sich das direkt und indirekt auch auf die Tiere
  • Das zeigt sich in typischen Verhaltensproblemen bei Tieren, die Menschen, andere Tiere oder sich selbst verletzen, Tieren, die unsauber sind oder sehr zerstörerisch, Tieren, die auf alles aggressiv reagieren oder vor allem Angst haben usw.
  • Die Probleme schleichen sich hier oft ein, treten nicht sofort in voller Stärke auf
  • Diese Art des Distress zu minimieren und komplett durch Eustress zu ersetzen, ist von allen sechs Stressfeldern am leichtesten
  • Aber nur dann, wenn man es konsequent von Anfang an tut.
  • Ist das Kind in den Brunnen gefallen, braucht es häufig die Hilfe eines erfahrenen Therapeuten, um dem Tier wieder in normale Bahnen zu verhelfen
PLATZ 2 240 Stresspunkte Änderung der Tagesstruktur
davon 45 Stresspunkte Pensionierung
  36 Stresspunkte Berufswechsel
  26 Stresspunkte Berufsstart oder Pension des Partners
  26 Stresspunkte Schulbeginn und Schulabschluss
  20 Stresspunkte Änderung von Arbeitszeit und -bedingungen
  19 Stresspunkte Änderung der Freizeitgewohnheiten
  19 Stresspunkte Änderung der religiösen Gewohnheiten
  18 Stresspunkte Änderung der gesellschaftlichen Gewohnheiten
  16 Stresspunkte Änderung der Schlafgewohnheiten
  15 Stresspunkte Änderung der Essgewohnheiten

Das Straßenbahn-Problem

  • In der Natur sind Tiere ständig neuen Situationen und Reizen ausgesetzt
  • Kaum ein Tag gleicht dem anderen
  • In der Tierhaltung und Tierzucht schleichen sich aber schnell wiederkehrende Strukturen ein
  • Der Tagesablauf ist immer derselbe
  • Wenn es dann durch äußere Umstände zu einer Veränderung kommt, kann das schnell zu massivem Distress führen
  • Auch gegen dieses Problem kannst Du durch vorbeugendes Training sehr gut angehen
PLATZ 1 341 Stresspunkte Änderung der Familienstruktur
davon 73 Stresspunkte Die Scheidung
  65 Stresspunkte Die Trennung vom Ehepartner
  50 Stresspunkte Die Heirat
  45 Stresspunkte Aussöhnung mit dem Partner
  40 Stresspunkte Die Schwangerschaft
  39 Stresspunkte Familienzuwachs
  29 Stresspunkte Kinder verlassen das Elternhaus

Keine Zeit für Tiere

  • Der Spitzenreiter der Stressauslöser beim Menschen ist gleichzeitig auch der größte Stressor für die meisten Tiere
  • Der Halter hat aus verschiedenen familiären Anlässen keine Zeit mehr für das Tier
  • Das Tier wird familienpolitisch vielleicht sogar zum Druckmittel
  • Und letztlich verlassen Familienmitglieder langfristig das tierische Umfeld
  • Oder das Tier muss zurücktreten, weil ein Baby Vorrang hat
  • Oder das Kind, zu dem das Tier gehört, verlässt sein Zuhause und nimmt das Tier aus diversen Gründen nicht mit
  • Was auch immer da passiert – sobald Tieren nicht mehr die Wertigkeit in der Familie zukommt, die sie brauchen und verdienen, bekommen sie mentale Probleme, also Distress
  • Dieses Problem lässt sich leider nicht wirklich vorab trainieren. Denn auf einmal nicht mehr wichtig zu sein / gebraucht zu werden, das kann man nicht kompensieren, wenn man sich ja eben nicht mehr so sehr für seine Tiere interessiert, weil man scheinbar gewichtigere Probleme hat
  • Und das ist ja auch logisch, denn dieses Stressthema hat so viele Punkte und führt das Feld an, weil es den Menschen ja auch ohne Rücksicht auf die Tiere schon so unglaublich schwerfällt, wieder in die Spur zu kommen und ein normales Leben zu führen, wenn so überaus private und einschneidende Ereignisse ihren Schatten werfen.

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